Ich kann mich nicht entscheiden
Entscheidungen und die Frage, sie „richtig“ und rechtzeitig zu treffen, gehören zu den häufigsten Anliegen im Coaching. Ich betrachte Schwierigkeiten mit Entscheidungen jedoch nicht einfach als eine Schwäche des Klienten. Vielmehr lohnt es sich hinzuschauen, was hinter dem Zögern oder Nichtentscheiden steht.
Der Satz „Ich kann mich nicht entscheiden“ bedeutet zunächst einmal, dass wir eine Wahl haben. Heute können wir in vielen Bereichen unseres Lebens zwischen zahlreichen Möglichkeiten wählen. Das kann sich wie grosse Freiheit anfühlen – Entscheidungen aber auch schwieriger machen.
Im Coaching lohnt sich auch ein Blick auf die Biographie
Die ersten zehn bis zwölf Jahre sind für unsere Entwicklung besonders prägend. Das Umfeld, in dem wir aufwachsen, die Menschen, mit denen wir täglich zusammenleben, und die Regeln – die ausgesprochenen ebenso wie die unausgesprochenen – beeinflussen, wie wir die Welt erleben und wie wir uns darin verhalten.
Eine Phantasiereise in das Elternhaus kann hilfreich sein. Dabei kann der Klient wie aus der Vogelperspektive beobachten, welche Regeln dort herrschten und wie bestimmte Situationen gehandhabt wurden:
• Wie lebten die Eltern zusammen?
Waren Sie ein Paar oder eine Zweck- und Wohngemeinschaft?
• Was war im Leben der Familie wichtig?
Womit waren die Eltern am meisten beschäftigt? Wofür wurde am meisten Zeit, Geld
und Energie aufgewendet?
• Wie gingen die Eltern mit Meinungsverschiedenheiten und Streit um? Wie wurden
Konflikte zwischen den Geschwistern gelöst?
• Wie wurde der Geburtstag des Kindes gefeiert?
Wurde er gefeiert? Wie — und wie fühlte sich das Kind dabei?
• Wie wurde mit Krankheit, Trennung und Tod umgegangen?
Gab es Trost, Körperkontakt, Hoffnung?
• Welchen Satz hätte das Kind von einem liebevollen Erwachsenen gebraucht?
Was hat das alles mit Entscheidungen zu tun?
Von Jesper Juul, dem dänischen Familientherapeuten, stammt der Satz:
„Wer lernen soll, die richtigen Entscheidungen zu treffen, dem müssen die Eltern auch die Möglichkeit geben, sich falsch zu entscheiden.“
Auf die Frage, wie das in Ihrer Familie mit Entscheidungen war, wird häufig geantwortet: "Entscheidungen gab es bei uns nicht. Es gab Regeln und Normen – was man tut und was man nicht tut. Vieles wurde auch danach beurteilt, was die anderen Leute denken könnten."
Daran wird deutlich, dass der Klient in seiner Familie nur wenig Gelegenheit hatte, zu lernen, wie Konflikte konstruktiv ausgetragen werden können. Entscheidungen können ebenfalls mit inneren Konflikten verbunden sein – Konflikten, die nicht zwischen zwei Menschen, sondern in einem selbst entstehen.
Wie in der Familie Konfliktkompetenz gefördert oder verhindert werden kann, dazu gibt Jesper Juul einige hilfreiche Anregungen:
• Um Eigenverantwortung zu entwickeln, brauchen Kinder die Möglichkeit, eigene
Entscheidungen zu treffen – und die Sicherheit, dass ihnen Fehler dabei nicht negativ
angerechnet werden.
• Da Konflikte entstehen können, wenn zwei Menschen Unterschiedliches wollen,
gehören sie ganz selbstverständlich zum Zusammenleben von Kindern und Eltern.
• Verbergen Sie Konflikte nicht grundsätzlich vor Ihrem Kind – lassen Sie es erleben,
wie Konflikte gemeinsam gelöst werden können.
• Gute Eltern erkennt man nicht an ihren Regeln, sondern daran, wie sie reagieren,
wenn ihr Kind eine Regel bricht.
Doch warum sind Entscheidungen überhaupt manchmal schwierig?
Entscheidungen können schwierig sein, weil wir vorher nicht wissen, welche Folgen sie haben werden und ob wir uns richtig entscheiden. Dadurch entsteht eine Unsicherheit, oft auch Angst. Mit jeder Entscheidung, die wir treffen, eröffnen wir uns eine neue Möglichkeit, aber gleichzeitig wählen wir auch viele Möglichkeiten ab. Diese Angst, sich falsch zu entscheiden, bremst viele Menschen.
Deshalb erscheint es manchen Menschen sicherer, wichtigen Entscheidungen auzuweichen oder diese aufzuschieben. Man tröstet sich mit der Erkenntnis, man habe sich noch nicht entschieden, da die Optionen ja noch offen sind.
Doch sich nicht zu entscheiden, kann dazu führen, dass wir zunehmend in einen Opfermodus geraten. Statt selbst zu agieren, entscheiden andere oder die Umstände – und wir können nur noch reagieren.
Hinter dem „Ich kann mich nicht entscheiden“ steckt oft ein unbewusster Konflikt.
Im Coaching geht es darum herauszufinden, warum sich jemand so verhält, wie er sich verhält. Dabei stellt sich die Frage: Welcher unbewusste Konflikt hält ihn davon ab, eine wichtige anstehende Entscheidung zu treffen?
Unbewusste Konflikte können emotional erfahrbar werden
Es reicht nicht, nur darüber nachzudenken. Erst wenn der Klient wahrnimmt, was eine Vermutung oder ein innerer Konflikt in ihm auslöst, kann er überprüfen, ob darin etwas für ihn Bedeutsames liegt. Achtsamkeit kann dabei helfen, aus dem kreisenden Nachdenken herauszukommen und das eigene Erleben bewusster wahrzunehmen.
Aus diesem Grund beziehe ich in meine Coachings auch Elemente der Achtsamkeit ein. Im Satipatthana Sutta werden vier Bereiche der Achtsamkeit beschrieben:
1. Achtsamkeit auf den Körper: Den eigenen Körper, seine Haltung und seine Bewegungen bewusst wahrnehmen.
2. Achtsamkeit auf Gefühle und Empfindungen: Angenehme, unangenehme und neutrale Empfindungen bewusst wahrnehmen, ohne sie sofort zu bewerten oder verändern zu wollen.
3. Achtsamkeit auf den Geist: Gedanken und den eigenen inneren Zustand bewusst wahrnehmen, ohne sich unmittelbar darin zu verlieren.
4. Achtsamkeit auf Geistesobjekte: In der buddhistischen Lehre sind damit innere Regungen gemeint – zum Beispiel Verlangen, Ablehnung, Unruhe, Zweifel, Ärger, Neid, Ungeduld, Misstrauen, Angst, Festklammern oder Widerstand. Achtsamkeit bedeutet, diese bewusst wahrzunehmen, ohne sich ihnen hinzugeben.
Je nach Anliegen kann es sinnvoll sein, Craniosacral Therapie mit Coaching zu ergänzen. Die Verbindung beider Ansätze ermöglicht eine vertiefte und wirkungsvolle Arbeit, in die körperliches Erleben und persönliche Themen einbezogen werden können. Coaching ist eine private Leistung und wird nicht über die Zusatzversicherung vergütet.
Fazit
Entscheidungen können uns manchmal länger beschäftigen, als wir möchten. Gerade wenn viel davon abhängt oder wir Angst haben, etwas falsch zu machen, kann es schwerfallen, einen klaren Weg zu finden. Manchmal spielen dabei auch Erfahrungen und vertraute Muster eine Rolle, die uns zunächst gar nicht bewusst sind.
Im Coaching kann es hilfreich sein, diesen Zusammenhängen auf die Spur zu kommen und besser zu verstehen, was hinter dem eigenen Zögern steht. Mit diesem Verständnis können Klarheit und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wachsen – und damit auch der Mut, eine Entscheidung zu treffen und den gewählten Weg zu gehen.
Quellen und weiterführende Literatur:
Jesper Juul – Gedanken zu Eigenverantwortung, Entscheidungen und Konflikten in der Familie.
Satipatthana Sutta (MN 10) – Grundlagen der Achtsamkeit
Veronika Barczak
Komplementärtherapeutin mit eidgenössischem Diplom
Aktualisiert: September 2026