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Weisheit


Was zeichnet Weisheit aus? Vereinfacht gesagt ist das die Fähigkeit, mit sich selbst im Reinen zu sein. Weise Menschen sind häufig weniger auf die Bestätigung durch andere angewiesen. Sie können sich und andere akzeptieren und fühlen sich ihnen und der Welt verbunden. Die Weisheitsforscherin Monika Ardelt beschreibt, dass die Annahme der eigenen Unvollkommenheit dazu beitragen kann, toleranter und mitfühlender mit anderen Menschen umzugehen.
Von der Praxis für innere Weisheit Innere Weisheit entwickelt sich aus einem tieferen Verständnis für sich selbst, das Leben und die Welt. Sie kann sich durch persönliche Erfahrungen, Reflexion, Selbstbeobachtung und innere Entwicklung entfalten. Innere Weisheit entsteht nicht allein durch Wissen aus Büchern oder äusseren Quellen, sondern entwickelt sich auch durch Selbstreflexion und die Auseinandersetzung mit den eigenen Gedanken, Gefühlen und Erfahrungen. Diese Form der Weisheit kann helfen, Herausforderungen zu bewältigen, Entscheidungen bewusster zu treffen und das eigene Leben stimmig zu gestalten. Sie ermöglicht es einer Person, sich selbst besser zu verstehen, ihre Werte und Überzeugungen zu reflektieren und ihre Handlungen und Entscheidungen im Einklang mit diesen zu gestalten.
Wenn wir unsere alten Überzeugungen und Konditionierungen freilassen und transformieren, entfaltet sich eine Kraft der Selbstbestimmtheit und der Lebensfreude. Menschen streben nach Weisheit. Bereits Jahrtausende vor den antiken griechischen Philosophen fragten sich die Bewohner des Vorderen Orients, was Weisheit ist und was ein weises Leben ausmacht. Einige ihrer Überlegungen hielten sie auf Tontafeln fest, die bis heute überdauerten. Seit den 1980er-Jahren erforscht auch die Psychologie Weisheit. Statt Tontafeln bevorzugt sie Handbücher, um dort Einsichten wie die folgenden festzuhalten.
1. Weises Denken Der deutsche Psychologe Paul Baltes (1939–2006) und seine Kolleginnen und Kollegen am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung gehören zu den Pionieren der psychologischen Weisheitsforschung. Sie definieren Weisheit als Expertenwissen über grundlegende Fragen der menschlichen Lebensführung und des Lebenssinns. Und wie macht sich dieses Expertenwissen im Alltag bemerkbar?
PERSÖNLICHKEITSPSYCHOLOGIE Welche Persönlichkeit haben Sie? Ein weiser Mensch setzt sich sowohl mit kleinen Problemen als auch mit schwierigen Lebensfragen überlegt auseinander. Er verlässt sich dabei auf Einsichten aus seinen früheren Erfahrungen und auf das Wissen, das er im Laufe seines Lebens gewonnen hat. Ausserdem betrachtet er eine Situation aus verschiedenen Perspektiven. Auch lässt eine weise Person andere Meinungen und Überzeugungen neben der eigenen zu. Sie kann auch zugeben, wenn andere im Recht sind und sie selbst falsch liegt. Ein weiser Mensch weiss also um seine Grenzen – und akzeptiert sie. Weisheit ist in tief gehender und anhaltender Selbstreflexion verwurzelt.
2. Weises (Mit-)Fühlen „Weise Menschen sind sich ihrer Emotionen bewusst.“ Das schreibt Judith Glück von der Universität Klagenfurt. Weise Menschen verdrängen ihre Emotionen nicht. Sie setzen sich mit ihnen auseinander – nutzen sie gar als Hinweise und Denkanstösse, etwa um festzustellen, ob sie etwas an ihrem Alltag ändern möchten und wie sie sich verhalten sollten. Weisheit bedeutet auch, wohlwollend gegenüber seinen Mitmenschen zu sein. „Altruismus und Empathie scheinen eng mit Weisheit verbunden“, sagt Glück. Diese und andere Beobachtungen gewinnen die Forschenden aus Umfragen und experimentellen Studien. Sie konfrontieren ihre Freiwilligen beispielsweise mit heiklen Szenarien wie diesem: Eine Fünfzehnjährige möchte von daheim ausziehen – was könnte man bedenken und tun? Die Freiwilligen denken laut über die fiktive Herausforderung nach. Die Forschenden werten dann diese Denkprotokolle nach vorher fest­gelegten Kriterien aus. 3. Weisheit und Alter Es gibt extravertierte und introvertierte, verträgliche und rücksichtslose Menschen – aber gibt es auch einen weisen Persönlichkeitstypus? Das scheint eher nicht der Fall zu sein. Lebenserfahrung ist eine wichtige Grundlage für weises Denken und Handeln. Deshalb scheint Weisheit eher eine Eigenschaft zu sein, die man im Laufe seines Lebens allmählich entwickelt. Die meisten von uns betrachten Menschen von 50 bis 70 Jahren am ehesten als weise. Aber nicht jede Person wird mit zunehmendem Alter tatsächlich weiser. Zu den von der Forschung ermittelten Faktoren, die die Entwicklung zu einem weisen Menschen begünstigen, zählen die allgemeine und die soziale Intelligenz und die Offenheit für neue Erfahrungen. Diese drei fördern die Selbstreflexion und den Erfahrungsschatz. Auch der Beruf scheint eine Rolle zu spielen: Wer dort anderen als Mentorin oder Mentor beiseite steht oder einer ähnlichen sozialen Tätigkeit nachgeht, kann Erfahrungen sammeln, die die Entwicklung von Weisheit begünstigen. 4. Weisheit und Kultur Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen teilen im Grossen und Ganzen ähnliche Vorstellungen von Weisheit. Aber Forschende dokumentieren auch kleine Unterschiede: Je nach Tradition wird eine andere Facette der Weisheit hervorgehoben. Grundschulkinder im Iran und in Österreich empfinden weise Menschen als klug und gutherzig. Im Vergleich zu den österreichischen Kindern betonten die iranischen Kinder stärker, dass weise Menschen sich an Normen und Regeln halten. In einer anderen Studie betonten jüdische Teilnehmende stärker das Wissen eines weisen Menschen, während muslimische Teilnehmende häufiger die Fürsorge für andere hervorhoben. Solche feinen Unterschiede werden unter anderem mithilfe vielschichtiger Fragebögen ermittelt. Die Forscherinnen und Forscher wollen von den Befragten beispielsweise wissen: Wen würden Sie als weise bezeichnen? Welche Eigenschaften assoziieren Sie mit Weisheit? Wann haben Sie selbst sich weise verhalten? Wen halten Sie für weise und wieso? Forschende stellten diese Fragen unter anderem auch Menschen in Uganda, die wiederholt mit existenziellen Herausforderungen wie Ernteausfällen und Hunger konfrontiert waren. Für diese Befragten ist ein weiser Mensch auch jemand, der seine Familie am Leben halten kann.
5. Weisheit und Wohlbefinden Weisheit kommt Menschen aber nicht nur in schwierigen Lebenssituationen zugute – sie scheint auch zum Wohlbefinden einer Person beitragen zu können. Dafür haben Forschende mehrere Erklärungsansätze. Beispielsweise wissen weise Menschen ihr Leben womöglich stärker zu schätzen, als es ihre Mitmenschen tun – und empfinden Dankbarkeit, die wiederum das Wohlbefinden fördert. Die Akzeptanz der Lebenssituation, auch wenn sie bisweilen nicht einfach ist, könnte ebenfalls ein wichtiger Grund für das Wohlbefinden sein: Weise Menschen hadern weniger mit Gegebenheiten, die sie nicht ändern können. Dadurch ersparen sie sich ängstigende und deprimierende Grübeleien, die sie nicht weiterbringen. „Ein anderer Grund für die Zufriedenheit weiser Menschen ist vielleicht das Selbstmitgefühl“, schreibt Monika Ardelt von der University of Florida. Dazu gehört die Erkenntnis, dass Fehler machen und Scheitern grundlegende Bestandteile des menschlichen Lebens sind. So fällt es weisen Menschen leichter, ein gesundes wie hilfreiches Gleichgewicht herzustellen: Sie machen sich zwar Gedanken über ihre Fehler und Unzulänglichkeiten, ziehen jedoch eine Lehre aus ihnen und akzeptieren sie. So sind sie nicht nur gegenüber künftigen Herausforderungen besser ausgerüstet, sondern in sich selbst gefestigter – und zufriedener.

Fazit Die Forschung zeigt ziemlich deutlich: Erfahrungen allein machen einen Menschen nicht weise. Entscheidend ist, was ein Mensch aus seinen Erfahrungen macht. Besonders die reflektierte Verarbeitung schwieriger Lebenserfahrungen hängt mit Weisheit zusammen. Ebenso gehören Perspektivwechsel, das Bewusstsein für die eigenen Grenzen, der Umgang mit Emotionen sowie Empathie und Mitgefühl zu den wiederkehrenden Merkmalen verschiedener Weisheitsmodelle.
Weisheit zeigt sich damit ganz konkret im Leben: darin, auch bei Unsicherheit überlegt zu entscheiden, Veränderbares von Unveränderbarem zu unterscheiden und aus Fehlern zu lernen, ohne an ihnen festzuhalten. Sie kann dazu beitragen, schwierige Lebenssituationen besser zu bewältigen und das eigene Wohlbefinden auch unter Belastungen zu erhalten.


Quellen Baltes, Paul B. & Staudinger, Ursula M. (2000): Wisdom: A Metaheuristic (Pragmatic) to Orchestrate Mind and Virtue Toward Excellence. American Psychologist, 55(1), 122–136. Ardelt, Monika (2003): Empirical Assessment of a Three-Dimensional Wisdom Scale. Research on Aging, 25(3), 275–324. Glück, Judith (2018): Measuring Wisdom: Existing Approaches, Continuing Challenges, and New Developments. The Journals of Gerontology: Series B, 73(8), 1393–1403. König, Susanne & Glück, Judith (2014): “Gratitude is with me all the time”: How gratitude relates to wisdom. The Journals of Gerontology: Series B, 69(5), 655–666. Sternberg, Robert J. & Glück, Judith (2021): Wisdom: The Psychology of Wise Thoughts, Words, and Deeds. Cambridge University Press. Sternberg, Robert J. & Glück, Judith (Hrsg.) (2019): The Cambridge Handbook of Wisdom. Cambridge University Press. Gielas, Anna (2021): Kompetenz im Menschsein. 5 Erkenntnisse über die Weisheit – und warum sie nicht nur eine Frage des Verstandes ist. Psychologie Heute, 3. Dezember 2021.
Veronika Barczak Komplementärtherapeutin mit eidgenössischem Diplom Aktualisiert: September 2026
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